Für junge Europäer*innen ist es ein überschaubares Abenteuer in einem europäischen Traumland einen Arbeitsplatz zu finden oder eine Ausbildung anzustreben, dort Freundschaften zu schließen und in eine andere Kultur einzutauchen – für kurze Zeit, für Jahre, unbegrenzt.

Auch wer heute als junger Mensch außerhalb von Europa nach Deutschland kommt, träumt vermutlich ebenso von dem ein oder anderen Abenteuer, ist neugierig auf die Menschen und auf ihre Kultur. Doch unterscheidet sich die Motivation zur Einreise nach Deutschland je nach Herkunftsland erheblich:

Für gut die Hälfte der Menschen ist der wesentliche Grund die Suche nach Schutz und Sicherheit, vor Krieg, Gewalt und Diskriminierung, vor Umweltzerstörung und Klimawandel. Andere erhoffen sich vor allem eine soziale als auch wirtschaftlich gesicherte Lebensperspektive mit einer entsprechenden Arbeitsstelle bzw. Berufsausbildung in einem kulturell ansprechenden und aufnahmebereiten Umfeld. Viele planen ihr Heimatland für immer zu verlassen, einige nur auf begrenzte Zeit.

Blick zurück:

Mehr Realitätsdruck als Abenteuerlust bewegte auch Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 1963 und 1988 dazu, als „Vertragsarbeiter*innen“ in die DDR einzureisen. Denn in der Regel war die Arbeitslosigkeit im Herkunftsland hoch und das Einkommen entsprechend gering. Mit dem in der DDR verdienten Lohn konnten zurückgebliebene Familien unterstützt werden. Auch lockte die beworbene Möglichkeit, während des Arbeitsaufenthaltes eine Berufsausbildung zu erhalten, damit nach der Rückkehr einen sicheren Arbeitsplatz zu finden oder gar selbständig zu arbeiten.

„Völkerfreundschaft“ und „Solidarität“ waren die zur Staatsideologie passenden Schlagworte, mit denen die DDR-Regierung Arbeitskräfte anwarb und zugleich versuchte, die eigenen Bevölkerung über die wirtschaftliche und staatspolitische Misere hinweg zu täuschen: Denn bis zum Bau der Mauer 1961 verließen rund drei Millionen Menschen den 1949 neu gegründeten Arbeiter- und Bauernstaat.

Um trotz dieser Abwanderung von Arbeitskräften die Not der Nachkriegsjahre bewältigen und die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger erfüllen zu können, brauchte man Hilfskräfte aus “sozialistischen Bruderländern”: aus Polen, Ungarn, Algerien, Kuba, Mosambik, Vietnam, Mongolei, Angola, China und aus Nordkorea.

In Thüringen gehörte das Automobilwerk Eisenach (AWE) zu den großen Betrieben: 10 000 Werktätige produzierten bis 1989 den „Wartburg“ – zusammen mit 400 bis 600 Vertragsarbeiterinnen.

Die meisten Vertragsarbeiterinnen waren bei ihrer Ankunft in der DDR ebenso jung, wie die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen heute beim Start ins Berufsleben. Zwei Fragen drängen sich auf: War für einreisende ausländische Jugendliche und junge Erwachsene die DDR rückblickend das erhoffte Traumland? Ist es die BRD heute?

Aktiv erinnern:

Bis in den Sommer 2027 soll nach Antworten gesucht werden, zusammen mit über 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Behinderungen, die kurz vor ihrem Schulabschluss stehen, in einer Ausbildung oder einem Studium stecken, sich als „Fundis“ oder „Buftis“ engagieren, gerade ihre Arbeitsstelle antreten: Einheimische, Europäerinnen, Migrantinnen und Geflüchteten. Hinzu kommen ehemalige Vertragsarbeiterinnen und deren Arbeitskolleginnen aus dem VEB Automobilwerk Eisenach (AWE) und aus seinen Zulieferbetrieben in der Region.

Alle Teilnehmenden sind zugleich Forschende, Betrachtende und Betrachtete. Gemeinsam soll recherchiert, berichtet und diskutiert werden – in Workshops nach Feierabend, in Projekten in Schulen und Ausbildungsbetrieben: über ihre ehemaligen und aktuellen Zielvorstellungen, über angestrebte, wahr gewordene und geplatzte Berufswünsche, über kulturelle Integration, Ab- und Ausgrenzung.
Aus den Ergebnissen werden mehrere Podcast, ein Hörspiel und abschließend eine Wanderausstellung erstellt, begleitet durch Medienprofis, Künstlerinnen und Ausstellungsmacherinnen.

Die Teilnahme ist kostenlos. Mitzubringen sind Neugier auf die Lebenswege und Träume anderer, Lust auf journalistische Arbeit, auf künstlerisches Gestalten, auf Handwerk für den Bau einer Ausstellung und etwas Ausdauer. Kontakt